
(ENT-)TÄUSCHT!
Interdisziplinäre Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen
Prof. Dr. Klaus Lunau
Täuschung ohne Enttäuschung –
Mimikry und verwandte Phänomene in der Natur
Mimikry in der Natur wird häufig mit Nachahmung oder Imitation gleichgesetzt oder auf das Beispiel einer schmackhaften Fliege, die das Aussehen einer Giftstachel bewehrten Wespe imitiert reduziert. Ich werde in meinem Vortrag über Phänomene in der Natur sprechen, in denen Imitation eine Rolle spielt.
Als Tarnung bezeichnen wir ein Aussehen, dass es für ein Tier schwer macht ein anderes Tier oder eine Pflanze vom Hintergrund zu unterscheiden wie es ein grüner Käfer auf einem grünen Blatt machen kann. Mimese bezeichnet die Nachahmung von Objekten ohne Signalcharakter, beispielsweise die Nachahmung eines welken Blattes, die durchaus gut sichtbar, aber schwer erkennbar ist.
Signalnormierung kennzeichnet die Verwendung ähnlicher Schreck- oder Locksignale ohne dass ein Signalempfänger getäuscht wird, wenn beispielsweise eine Giftstachel bewehrte Wespe und eine ebenso geschützte Bienen dasselbe Warnsignal in Form schwarz-gelber Ringelung einsetzen.
Mimikry bedeutet Signalfälschung. Wobei das Signal eines Vorbildes durch einen Nachahmer so gut imitiert wird, dass ein Signalempfänger Vorbild und Nachahmer verwechselt und getäuscht wird. Dabei geht es nicht nur um Warnsignale. Bei Lockmimikry werden Locksignale eingesetzt, die zwar täuschend echt sind, aber nicht notwendigerweise enttäuschen müssen. Als Beispiel nenne ich Staubgefäßimitationen, die das Vorhandensein von Pollen spendenden Staubgefäßen bei vielen Blütenpflanzen vortäuschen, jedoch eine Nektarquelle anzeigen. Die getäuschte Biene wird in diesem Falle nicht enttäuscht, sondern mit dem „billigeren“ Nektar abgespeist. Bei der sensorischen Ausbeutung werden imitierte Signale in einem anderen Kontext verwendet, beispielsweise imitieren Argusfasanenhähne Futterkörner auf ihrem Gefieder und werben mit diesen Signalen um Weibchen. Diese wiederum verwechseln die Futterkornnachbildungen nicht mit echtem Futter und picken auch nicht danach, können sich jedoch der Lockwirkung eines scheinbar guten Futterangebotes nicht entziehen. Ich bringe als Analogie eine Werbung für einen Reifen, in der eine Bikinischönheit eine prominente Rolle spielt. Der Reifenkäufer wird nicht enttäuscht, obwohl das Werbeversprechen wohl nicht nur von der Reifenwahl abhängt.
Prof. Dr. Klaus Lunau
Geboren 1953. 1974-81 Studium der Biologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg / Breisgau. 1982-85 wissenschaftlicher Angestellter in einem Naturschutz-Forschungsprojekt. 1985-88 Promotion. 1988-97 Akademischer Rat und Lehrbeauftragter an der Universität Regensburg. 1995 Habilitation. Seit 1997 Professor für Zoologie; Leiter der Arbeitsgruppe Sinnesökologie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Arbeitsgebiete: Angeborene Blütenerkennung von blütenbesuchenden Insekten, optische Orientierung von Insekten und Wirbeltieren, Evolution von Signalen, Mimikry. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. „Warnen, Tarnen, Täuschen: Mimikry und andere Überlebensstrategien in der Natur" (Darmstadt 2002).

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