
Paul Schwer
*1951 in Hornberg, lebt in Ratingen
Baozi für Wuppertal
Pavillon an der Paradestraße
Der erste Eindruck ist raumgreifende Dynamik. Von einem unerwarteten Windstoß angetrieben, ergießt sich luftige, semitransparente Farbe in die Stadt. In Zinnober, Pink, Magenta und rotem Krapplack bläht sich Paul Schwers „Baozi für Wuppertal“ in einen unscheinbaren urbanen Ort. Zwischen Treppen und Fassaden, zwischen Gehwegen und Autos erfährt ein verwinkelter horizontaler Straßenzwickel im Auf und Ab des Wuppertaler Stadtraumes eine erstaunliche Wendung – vom nüchternen Durchgangsort zum sinnlich aufgeladenen Farb- und Raumereignis. Schwers Intervention in den öffentlichen Raum ist dabei ebenso ephemer wie ortsbezogen. Die weich gewellten Farbflächen besetzen den Ort, um aus ihm heraus eine neue, überraschende Realität zu formulieren. Buntes Licht ergießt sich über das Pflaster und die Treppenstufen, Wind pfeift um den neuen Widerstand und erzeugt zuvor ungehörte Geräusche, die hochglänzenden Oberflächen reflektieren die Sonne, Autoscheinwerfer und die umliegenden Fassaden gleichermaßen. Das „Baozi für Wuppertal“ hat sich wie eine Herde herumwehender Plastiktüten an einem vorgefundenen massiven Pavillon festgesetzt und richtet den Blick ganz beiläufig auf dessen vergessenen Zweck und Nutzen, seinen Ort und seine Umgebung. Sind doch Pavillons ursprünglich nur in Gärten und Parks anzutreffende Bauten, wunderbare Zwitter zwischen Stadt und Land, zwischen Architektur und Natur, zwischen offenem und verschlossenem Raum. Vom französischen ‚papillon’ – Schmetterling – abgeleitet, sind sie „fliegende, schnell aufschlagbare“ Bauten. Diesen Moment des Flüchtigen und Offenen nimmt „Baozi für Wuppertal“ in wunderbarer Weise auf: als sich selbst dynamisierende skulpturale Formulierung zwischen Architektur und Malerei, die sich im selben Moment durchlässig macht für die reale Außenwelt, für Regen, Wind und Sonne, für unterschiedliche Nutzungen und Betrachter.
Weitere Informationen
Katalog „Paul Schwer 2004“, Hrsg. Museum Morsbroich (Leverkusen), Museum Alte Post (Mülheim), Heidelberger Kunstverein, Kunstverein Recklinghausen
Videopodcast
Paul Schwer - Bilder kommen geflogen
Autor: Burkhard Rosskothen (einfallsreich tv)
Länge: 5:20 min
August 2006




