Eine Höhle für Platon

(ENT-)TÄUSCHT!

Interdisziplinäre Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen

Susanne Schulte
 

Nur Adams Sprache täuschte nicht

Anmerkungen im Dreieck von Mensch und Sprache, Gott, der Welt

Die Adamitische Sprache ist seit fast 2000 Jahren ein Kerntopos abendländischer Sprachreflexion. Theologische, erkenntnis- und sprachtheoretische Überlegungen verbinden sich darin zum Konstrukt einer idealen Sprache Adams im Paradies, von der die historischen Sprachen abgefallen sind. Im Zentrum steht der Mythos der Namensgebung durch Adam im Garten Eden.

Als Adam, vor dem Sündenfall, die ersten Namen gibt, erkennt er den göttlichen Logos in allem, was ist, und drückt dies geistig-sprachliche Wesen einer Naturerscheinung in seinem Namen vollkommen aus. Das Adamitische ist das göttliche Wort in Menschensprache, die Natur selbst ist eine Sprache.

Mit der Adamitischen Sprache findet die Hoffnung auf Erkenntnis der Welt, das Verlangen nach Sinn und seelischer Heimat in einem göttlich regierten Kosmos in vorwissenschaftlicher und vorkritischer Zeit seinen ultimativen Topos. Man denkt hermeneutisch. Die Namen, so wie sie Adam in größtmöglicher Gottnähe gab, sagten die Wahrheit über die Welt, das metaphysische Wesen der Dinge aus. Sie unterlagen keinerlei Täuschung, waren objektiv.

In historischer Zeit liegt für das hermeneutische Denken die Wahrheit nicht mehr offen. Gott ist fern und die Natur spricht zwar noch, doch sie ist Chiffre, muss gelesen, verstanden und übersetzt werden. Zugleich wird sie naturwissenschaftlich gemessen, berechnet, beherrscht, was für die Hermeneutiker ihrem Verstummen gleichkommt.

Die größte Ent-täuschung bringt die kritische Philosophie Immanuel Kants: das Ding-an-sich ist unerkennbar, alle Erkenntnis subjektiv, ihr Inhalt sind nur Erscheinungen. Im 20. Jahrhundert macht der Konstruktivismus die Wirklichkeit vollends zur Konstruktion des Erkennenden und in den Geisteswissenschaften servieren die Dekonstruktivisten mit der Großen Erzählung des Logozentrismus die Adamitische Sprache ab.

Im Natursprache- oder Chiffrendenken Johann Georg Hamanns im 18. Jahrhundert, später bei Novalis, dann bei Hugo von Hofmannsthal, Günter Eich und noch in unsrer Gegenwart lebt der Adamitische Traum trotzdem als kühle Erinnerung eines grandiosen Irrtums, andrerseits in der Form der Enttäuschung fort: als melancholische Sehnsucht und Utopie allen Sprechens und Dichtens.
 

Dr. Susanne Schulte

Dr. Susanne Schulte ist Geschäftsführerin der GWK – Gesellschaft für Westfälische Kulturarbeit, Münster. Die GWK fördert herausragende junge Künstlerinnen und Künstler aus Westfalen-Lippe in den Bereichen bildende Kunst, klassische Musik und Literatur. Susanne Schulte studierte Germanistik, Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte. Publikationen (Auswahl): BildGeheimnis tom Ring. Neue literarische Zündungen (St. Beuse, K. Hacker, S. Scho, S. Geist, Th. Kling). Hg. und mit einem Essay von S. Schulte (2007); „Rede, daß ich Dich sehe!“ Wortwechsel mit Johann Georg Hamann (O. Bayer, O. Egger, B. Köhler, U. Stolterfoht, P. Wühr u.a.). Hg. von S. Schulte (2007); worauf wir aus sind. Neue Texte zum Glück. Hg. von S. Schulte (2005); Max Blaeulich: Zahn der Zeit. Ein Herrenstück / S. Schulte: „Träumen und niemanden verschonen“. Essay (2001); Standpunkt Ohnmacht. Studien zur Melancholie bei Günter Eich (1993); zahlreiche Aufsätze zur bildenden Kunst und Literatur.

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