
Auszüge aus: Theo Eckmann, "Sozialästhetik - Lernen im Begegnungsfeld von Nähe und Freiheit", Projekt Verlag 2005
I Einführung
II Grundannahmen sozialästhetischer Praxis
III Praktische Erfahrungen
I Einführung
Was ist der Mensch?
Was dürfen wir hoffen?
Was müssen wir wissen?
Wie müssen wir handeln?
Diese Fragen, die Bestandteil jeder Philosophie, jeder Pädagogik des Lebens sein sollten, bilden auch die Basis für meine Arbeit. Ohne Antworten auf diese Fragen nach einem Menschenbild, nach einer Vorstellungs-, Geistes- und Handlungsgegenwart ist pädagogische Praxis für mich nicht denkbar.
Die Frage, was der Mensch ist, bestimmt auch die ihr folgenden, denn sie sagt etwas aus über die grundsätzlichen Bedingungen menschlicher Existenz, über das Gegenwartsbild vom Menschen und seinen vielfältigen gelebten Erscheinungsformen. Als Lehrer von sozial benachteiligten, körperlich beeinträchtigten und so genannten geistig behinderten Kindern, der alle Variationen menschlicher Begabungen kennen gelernt hat, musste und wollte ich Erfolg anders definieren als nach den gängigen Kriterien von Leistungsfähigkeit und kognitiver Intelligenz.
Ich habe hauptsächlich mit dem Ungewissen gelebt und gearbeitet, mit Kindern, die voller Geheimnisse waren und oft nur über die Inspiration zu erreichen waren. Dieses Ungewisse klingt an in der zweiten Frage, der Frage unserer Vorstellungs-Gegenwart, unserer Ahnungen, Vermutungen, der Frage des Inspirativen. Angesprochen ist die Gegenwart mit unseren Empfindungen und Vorstellungen von dem, was wir als richtig erachten. Es geht um die Grundfragen meiner Einbindungen und Wurzeln, um meinen humanen und kulturellen Standort und meiner Haltung, die ich in der Gegenwart zum Ausdruck bringe und lebe.
Das verbleibt jedoch im unklaren ohne die dritte Frage. Hier geht es um unverzichtbare Fakten und die zu beachtenden Kenntnisse, aber auch um Skepsis, Kritik und Prüfung. Es ist die Frage nach dem Wissen, auf das wir zurückgreifen müssen, um ein sinnerfülltes Leben gestalten zu können und Kinder dazu begleiten, sich ganzheitlich zu kohärenten souveränen Persönlichkeiten entwickeln und einen konstruktiven Sinn für ihr Leben in der Welt generieren zu können.
Unverzichtbar in diesem Zusammenhang sind für mich beispielsweise die Erkenntnisse der Salutogeneseforschung. Der Begriff Salutogenese fragt nach der Entstehung von Unverletztheit und Glück und ist durch den amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen Antonovsky in die Wissenschaftsdiskussion eingeführt worden. Die Salutogeneseforschung untersucht, was Menschen gesund erhält und warum manche Menschen trotz extremster Belastung nicht psychisch oder physisch erkranken. Nach Antonovsky ist dann eine hohe Wahrscheinlichkeit zum Leben in Gesundheit gegeben, wenn Menschen eine im positiven Sinne erlebte Grundhaltung bezogen auf sich und ihr Wechselspiel mit der Umwelt bei sich wahrnehmen. Damit verbunden sind drei Verarbeitungsmuster, deren positives Zusammenwirken beim Menschen das Gefühl von Ausgewogenheit und Stimmigkeit erzeugen. Antonovsky spricht hier von Kohärenz bzw. dem sense of coherence. Die drei erforderlichen Verarbeitungsmuster für die subjektive Wahrnehmbarkeit von Kohärenz sind:
1. Das kognitive Verarbeitungsmuster
Gemeint ist hier das Gefühl von Verstehbarkeit, die Fähigkeit, Reize, auch unbekannte, als geordnete, strukturierte Informationen verarbeiten zu können.
2. Das psychomotorische Verarbeitungsmuster
Darunter wird das Vertrauen, die Zuversicht in die eigenen Fähigkeiten verstanden, das Ausmaß, in dem eine Person wahrnimmt, dass sie geeignete Ressourcen zur Verfügung hat, um Anforderungen begegnen zu können.
3. Das motivationale Verarbeitungsmuster
Aus der Sicht der Salutogeneseforschung handelt es sich hierbei um das wichtigste Verarbeitungsmuster. Gemeint ist hierbei der Umfang, in dem man das Leben als sinnvoll empfindet. Das Erleben von Sinnhaftigkeit erhöht die Motivation, Schwierigkeiten, Belastungen konstruktiv bewältigen zu wollen, was sich wiederum verstärkend auf das Erleben sinnvollen Daseins auswirkt.
Mit dem Empfinden von Sinnhaftigkeit und der Suche danach, der Sehnsucht nach Sinn, wird auch die Dimension des Glaubens berührt, eine spirituelle Dimension, auf die uns immer schon die Künste, Religionen und Weltbilder verweisen. Der Mensch als ein lebenssinnbegabtes Wesen, das aus der Sicherheit seiner sinnvoll erlebten Verortung in der Welt die Kraft schöpft für sein Dasein. Daraus entsteht letztlich eine Energie des Wachsens und Erhaltens, die immer auch nach den Möglichkeiten konkreter Realisierung sucht. So entstehen Wissenschaften und insbesondere auch Sinnsysteme, die jeder Zeit und Kultur angehören als deren Bewältigungskonstrukte.
Doch neben der Fähigkeit des Wachstums, des Heilens, des Lebens, neben Achtung und Würde ist dem Menschen auch die Kraft zu Verachtung, Hass, Benachteiligung und Zerstörung in die Hände gelegt. Angesichts des damit verbundenen Wissens um stark ausgebreitete Benachteiligungs-, Angst- und Gewaltstrukturen in Familien, Cliquen, Schulen, Stadtvierteln und ganzen Gesellschaften, stellt sich deshalb die vierte Frage: Wie müssen wir handeln?
Wie müssen wir handeln, wollen wir die oben genannten Strukturen mindern bzw. aufheben, wollen wir Kindern das Gefühl sinnerfüllten Daseins vermitteln, Kindern ermöglichen, konstruktive Fähigkeiten bei sich entdecken, ausbauen und nutzen zu können, um sich zu souveränen Persönlichkeiten zu entwickeln, die ihr Leben konstruktiv gestalten können, ohne krankmachender sozialer Isolation, gesellschaftlicher Benachteiligung und dem dauerhaften Gefühl persönlicher Insuffizienz ausgesetzt zu sein?
Jeder, der sich mit diesen Fragestellungen auseinandersetzt, wird dazu seinen eigenen Handlungsweg finden. Mein Weg führte über subjektive Erlebnisse in der Kindheit, berufspraktische Erfahrungen und universitäre Studien hin zur Formulierung und Gestaltung meines sozialästhetischen Ansatzes, dessen Grundannahmen ich zunächst erläutern werde.
II Grundannahmen sozialästhetischer Praxis
"Wenn Humanität wieder entstehen soll, ist eine mühselige Kleinarbeit zu verrichten, langweilig, lästig, viel Geduld erfordernd – in den Lesebüchern beginnend; im Kindergarten. Das ist es, was Ihnen bevorsteht – eine Ästhetik des Humanen zu bilden..."
Heinrich Böll
Einerseits in der Kindheit zunächst selber von Demütigungen und gesellschaftlichem Ausschluss betroffen, lernte ich andererseits durch die Liebe meiner Mutter und auch durch einen Lehrer, der erste reformpädagogische Ideen in meine Schule einführte, dass Erziehung nicht ein Ort autoritärer Bewertungen, negativer Zuschreibungen und strenger einengender Belehrung sein muss: Erziehung kann Ort der Ideen, der Chancen, des Handelns, des persönlichen Wachstums, des bewegt lebendigen Miteinanders sein, insofern Freiheit, Selbstbestimmung, Inhaltlichkeit, Nähe, Zuwendung, Qualität, Inspiration, Experimentierfreude und Akzeptanz ihr selbstverständlicher Platz darin eingeräumt wird.
Schmerzhaft erfuhr ich dann während meiner praktischen Tätigkeit als Lehrer von Kindern mit körperlich beeinträchtigten oder so genannten geistig behinderten Kindern auch, dass diesen Lebenswirklichkeiten der „Ersten Wahl“ wie ein Traumberuf oder partnerschaftliche Wünsche nahezu immer verwehrt bleiben. Das Schicksal dieser Kinder enthält gerade deshalb jedoch auch die Chance für existentielle Alternativen, Chancen für die Öffnung unerwartet neuer Räume. Es sind Räume für die Gestaltung des Lebens auf der Grundlage von eigener Gedanklichkeit, Kreativität, Gelassenheit, Eigenwilligkeit und Selbstverständlichkeit. So können überzeugende Formen von Gegenwartsbewältigung oder –meisterung entwickelt und gelebt werden, die dann keine „Zweite Wahl“ darstellen, sondern Lösungen aus inspirativer Abstimmung und fantasievoller Variabilität, von ausbalancierten Gefühls- und Sachentscheidungen, also von existentiell bedingter Beweglichkeit: Bewegung ist das Grundelement des Lebendigen. Es gibt keinen Stillstand. Auch die vollkommene Stille ist ein Ereignis von Bewegung, bahnen sich doch in der Stille die nächsten Ereignisse an. Bewegung ist dabei in erster Linie kein Phänomen der ungeminderten Funktionstüchtigkeit von Gliedmaßen. Die Antriebsformen von Bewegung sind Erleben, Erfahren, Erkenntnis, Wahrnehmung, Handlung, Exploration, Begegnung – ganzheitlich leibliches Spüren und Sein.
Zu diesen Aspekten hinzu kam die Erfahrung der Krise als weiteres Element natürlicher Lebens- und Lernprozesse. Neben negativen Gesichtspunkten liegen in der Krise immer auch Chancen – die Krise ist die kreativste Grundbedingung des Neuen. Krise ist die Befindlichkeit zwischen der Notwendigkeit beziehungsweise dem Wunsch, gewohnte Muster aufzugeben und der Herausforderung durch das Neue.
Aus diesen Erfahrungen und den damit verbundenen Erkenntnissen heraus, war es für mich naheliegend, durch meine berufliche Tätigkeit ästhetische Lernprozesse zu initiieren und diese gemeinschaftlich mit Schülern, Eltern, Kollegen, Studenten, Künstlern und Schulnachbarn zu gestalten.
Im Mittelpunkt der pädagogischen Zielsetzung stand dabei immer: Im Rahmen sachbezogener Inhaltlichkeit konstruktive Impulse, Inspiration und Chancen für selbstbestimmtes Handeln, positive Identitätsentwicklung und kreative Krisenbemeisterung zu geben. Das Ästhetische für mich ist dabei zunächst sinnliches Wahrnehmen und die daraus entstehenden Erkenntnisse, ist die Ganzheit von Erleben, Erfahren, Wahrnehmen und Erkennen. Ästhetisches Tätig Sein führt zur Erfahrung von qualitätsbewusster Arbeit, von sinnlich wahrnehmbarer Struktur und Form. Damit ist es dem Menschen möglich, ein qualitativ bedeutsames Verhältnis zu sich und der Welt herzustellen und aufrechtzuerhalten. Ästhetik ist somit ein zentrales Element von Prozessen der Selbstorganisation und gegenwartsbezogenem sinnvoll erlebten Dasein.
Um demütigende Benachteiligungen aufzuheben, um Kinder dazu zu begleiten, mit der sicheren Basis eines ausgeprägten sense of coherence souverän ihr Leben zu gestalten, ist es jedoch erforderlich, soziale Prozesse gleichberechtigten Miteinanders in die ästhetisch-pädagogische Praxis einzubeziehen. Aus dieser Überlegung heraus entstand mein Ansatz zur Sozialästhetik. Sozialästhetik orientiert sich ethisch an Grundannahmen, wie sie universal in Konzeptionen zur Solidarität und gleichberechtigter Mitmenschlichkeit, beispielsweise im kategorischen Imperativ Kants (Handle so, dass dein Handeln jederzeit Grundlage allgemeinen Gesetzes sein könnte), zu finden sind.
Sozialästhetik ist folglich eine humane Ästhetik, die sich als Kultur der Zwischenmenschlichkeit und als Haltung gemeinsamer Verantwortung für ein Ganzes begreift. Handelndes, die Sinne anregendes Lernen wird in der sozialästhetischen Praxis ergänzt durch die Erfahrung des Miteinander, des Austausches, der gleichberechtigten Partizipation, Achtung und Ergänzung. Kurz lässt sich sagen: Wenn wir Ästhetik verstehen als sinnlich wahrzunehmende Qualität, dann ist Sozialästhetik deren Erweiterung in den sozialen Raum, ihre demokratische Übersetzung, Deutung und Sinngebung.
Sozialästhetisches Handeln ist teilhabendes, entwickelndes Handeln, das jedem Einzelnen die positive Bestätigung der Richtigkeit seines Daseins, seiner Begabung sowie Herausforderung, Inspiration, Versuch und Irrtum, Vielfalt und Besonderheit, strenge Sachlichkeit, Bemühung, humorvolle heitere Auseinandersetzung, Eigenverantwortung, sozial und ökologisch nachhaltige Verantwortung sowohl bietet als auch von jedem Einzelnen fordert. Die Lernerfahrung dieser Handlungsformen macht dem Menschen bewusst, nicht passiv ausgeliefert zu sein, macht dem Menschen bewusst, dass er befähigt ist zur konstruktiven Gestaltung, dass er lernen kann, durch Antworten Verantwortung zu finden, für sich und für das Ganze.
Verwirklicht wird Sozialästhetisches Lernen in einem Lernhorizont der Inklusion. Inklusion bedeutet, dass gleichberechtigte Miteinander aller Partner, die jeder auf ihre je eigene Weise mit ihrer Begabung und Befähigung zu einem nachhaltigen gemeinsam zu verantwortendem beitragen. Das schließt Angewiesensein auf Andere keineswegs aus. Angewiesensein ist kein zu verleugnendes Defizit, Angewiesensein ist eine menschliche Grundbedingung – Beeinträchtigung eine Variation dieser Disposition des Menschlichen. Angewiesensein negativ abzuwerten bedeutet Exklusion eines zentralen Wesensmerkmales des Menschlichen: Wir alle sind in unserem Selbstsein, in unserer Befähigung, in unserem Angewiesensein letztlich Verschieden und doch Gleich. Gerade das macht unsere Vielfalt, unsere Befähigung zum sinnerfüllten Leben aus, so Achtung, Akzeptanz und Selbstverständlichkeit die Grundlagen für den Umgang mit der Verschiedenheit bilden.
Durch die für Lernen und Handeln grundlegenden Elemente Empfindung, Handlung, Erlebnis, Erfahren, Wahrnehmen, Erkenntnis, kommt es im Rahmen sozialästhetischer Konzeptionen zur Ausprägung leitmotivischer Handlungs- und Organisationsperspektiven für das Selbst, das Soziale, das Ganze. Das ermöglicht das Wachstum zu einer selbstverantworteten, selbstempfundenen, souveränen, ethisch fundierten Haltung und Persönlichkeit, einer Haltung und Persönlichkeit, die sich als richtig empfindet und sinnvoll gestaltend und erlebend in der sozialen und natürlichen Welt verortet sieht. Zusammengefasst finden sich diese Annahmen in der Abbildung des Sozialästhetischen Lernkreises:
Sozialästhetisches Lernen
Selbstverantwortung und Selbstempfindung als Mitverantwortung und Mitbeantwortung
Veranschaulichen möchte ich das Gesagte im Folgenden durch drei Beispiele meiner pädagogischen Praxis.
III Praktische Erfahrungen
„Alles Leben vollzieht sich in Rhythmen. Jede Person hat ihren individuellen Rhythmus. Rhythmen sind der hör- und fühlbare Puls ganzer Kulturen, die Sprache eines kollektiven Lebensstils.“
Fritz Hegi
Integration „trommelnderweise“
– Das Percussionsorchester 1990 – 2004
Im Schuljahr 1990/91 kam es während meiner Rektoratszeit zur Gründung des Percussionsorchesters bestehend aus Schülern der Grundschule, der benachbarten Schule für Körperbehinderte und der SGB St. Augustin. Das Orchester entstand aus der unbefriedigenden Integrationspraxis als Initiative von der Schule für Geistigbehinderte. Das Percussionsorchester war ein jugendnahes Lernangebot mit einem hohen Maß an Gestaltungsmöglichkeiten, Ermutigung und Gemeinschaftssinn.
Aspekte von Ebenbürtigkeit, Begegnung, Austausch und kultureller Vielfalt waren zentrale Orientierungen. Damit verbunden waren Zielsetzungen, die Erweiterung, Erfahrungen über Grenzen hinweg und Ergänzung wollten und auf einer Pädagogik der Achtung basierten. Durch die Inhaltsbereiche wurden die Kinder nicht aufgeteilt in Befähigte und Nichtbefähigte. Einseitiges Entgegenkommen war also nicht programmiert wie in vielen so genannten integrativen Angeboten.
Improvisatorisch-rhythmische Gestaltung bot sich deshalb an, weil der Rhythmus jeden anspricht. Rhythmus bildet eine ganz eigene elementare Erfahrungswelt. In der Improvisation gab es eine fundamentale Nähe zum Ausdruck, der keiner kognitiven Vorarbeit oder differenzierter Kenntnisse bedurfte. So genannten geistig behinderten Kindern wurde als begabten Kindern begegnet und sie hatten hier die Möglichkeit, diese Begabungen auszuleben, auszudrücken. Letztlich waren sie die Vorbilder für das Projekt und konnten die anderen Teilnehmer anregen und inspirieren.
Die institutionellen Bedingungen der Schule als ein Ort der Lebensnähe und von Handlungserfahrung waren für das Projekt geradezu modellhaft geeignet. Ihre Freiräume der Selbstgestaltung, ihre Möglichkeiten zur Verwirklichung individuell konzipierter Entwicklungspläne, ihre originellen Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten und damit originelle Gelegenheiten zur realistischen Schulalltagsgestaltung bildeten charakteristische Merkmale von Lernen und selbstverständlichem gemeinsamen Alltag.
Die Kinder, ob „geistig behindert“, hyperaktiv, nicht auffällig, trafen sich mit der größten Selbstverständlichkeit – Aspekte von Behinderung wurden von Ihnen nicht thematisiert. Die Anfänge waren chaotisch, die Schule schien sich aufzulösen unter dem dröhnenden Getöse der Instrumente, die zugleich auch viel an Dynamik, Freude, Kraft und Intensität freisetzten.
Es dauerte nicht lange bis zur Gestaltung selbstorganisierter Prozesse. Bald musste es nicht mehr die größte und lauteste Trommel sein, die gewählt wurde, sondern zunehmend entschieden sich die Teilnehmer/Innen für ihr Instrument. Sie lernten aufeinander zu hören – erste Strukturen bildeten sich. Ein Kind gab zu Beginn Takt und Thema an – je nach der eigenen Befindlichkeit. Die Gruppe einigte sich immer, nahm sich Zeit für die Lösung von Konflikten und besonders für das ausgiebige Gestalten unterschiedlicher Spielformen. Die Gruppe war offen und spontan bezogen auf die praktische Umsetzung von Ideen und Einfällen. Spielformen ergaben sich wie von selbst, waren gekennzeichnet durch Fantasie, Spannung und Intensität. Die wichtigsten Spielregeln waren Teilnehmen, Teilgeben, Akzeptanz und Aufmerksamkeit. Sie bildeten die psychosozialen Grundlagen der kooperativen Erfahrung.
In den mehr als zehn Jahren des Bestehens wurden die gemeinsamen Veranstaltungen des Unterrichts und der Aufführung erweitert und vertieft, wobei das Ursprungskonzept beibehalten wurde und Änderungen sich lediglich aus neuen Gruppenformationen ergaben.
Als Prinzipien gemeinsamen Erlebens bildeten sich heraus:
1. Ganzheitlichkeit
Faktoren des Seins, der Wahrnehmung, Gestaltung, Handlung, Situation bedingen sich gegenseitig. Körperorientierte, gefühlsbetonte, kommunikative und kognitive Verfahren bilden eine Einheit. Schüler entfalten sich als anregende Partner eines vielschichtigen Systems von Situationszusammenhängen. Entwicklung spielt sich dabei als vielfache Rückwirkung, Reaktion, initiative Handlung auf soziale und inhaltliche Erfahrungen ab.
2. Begegnung
Begegnung ist von ganz eigener situativer Struktur und Kraft. Es kommt zu Beziehungsformen zwischen den Kindern auf hohem Informations-, Sach-, und Kooperations- und Partnerniveau, die geprägt sind von gegenseitiger Achtung ohne jegliche elitäre Abgrenzung. Die gemeinsamen Aufgaben bilden die Basis, verbunden mit einer inhaltlichen Übereinstimmung und Aufmerksamkeit, wie sie in „integrativen Arrangements“ häufig nicht zustande kommt.
3. Struktur
Aus der Sache heraus entwickeln sich Abläufe, Verantwortlichkeiten und Gestaltungsideen. Es ist die innere Struktur der Gestaltungseinheiten: Idee, Form, Takt, Rhythmus, Sequenzen, Reflexionen, die einen klaren Aufbau aus sich heraus entstehen lassen. Aus ersten schrittweisen Versuchen entstehen so situationsangemessene Spielkonzeptionen. Zielsetzungen, Aufgabenstellungen die dabei entstehen, kommen den explorativen und improvisatorischen Gestaltungsstilen von elementar begabten Kindern sehr entgegen.
4. Identität
Das Spiel mit den Trommeln enthält einen besonders direkten Zugang zu leiblicher und emotionaler Grundgestimmtheit. Intuitives Selbsterleben, eigene Empfindungen und Bedürfnisse werden unmittelbar ausgedrückt. Über spontane Einfälle entwickeln sich so Formen von Gestaltungskonstanz mit individuell unterschiedlichen Eigenmotiven und Themen. Bedeutsam ist, das dies nicht auf das Trommeln beschränkt bleibt.
5. Partizipation
Durch die gemeinsame Sache kommt es zu einer sozialen Verdichtung in der Gruppe. Ständiges non-verbales und nicht-direktives Abstimmen mit den anderen erzeugt in der komplexen Qualität von Partizipationsleistungen eine Stimmung und Atmosphäre lebendigster Vielfalt, eine Atmosphäre des Rhythmischen, das durch die Polarisierungen der Gestaltung (intensiv – zart; stürmisch – zurückhaltend) seine Spannung und Entspannung findet.
Daraus ergaben sich häufig langfristige Entwicklungen, die sich wie folgt bezeichnen lassen:
- Empfindungstiefe mit ursprünglicher Erlebnisfähigkeit
- Originalität und Kreativität des Selbstausdrucks
- Intensive Sachbezogenheit mit intuitiver Neugier
- Gegenwarts- und Augenblickszugewandheit
- Emotionale Stimmigkeit und Eindeutigkeit
- Soziale Integrität und Loyalität
- Fähigkeit zu Nähe und vertrauensvoller Unmittelbarkeit
- Partnerschaft, Wissen um Befähigung und Ebenbürtigkeit als Grundvoraussetzungen und –ziele einer Pädagogik der Achtung, der Angstfreiheit und der Selbstwerterfahrung.
"Wenn du mit anderen Ein Schiff bauen willst, so beginne nicht, mit Ihnen Holz zu sammeln, sondern wecke in ihnen die Sehnsucht nach dem großen, weiten Meer..."
Antoine de Saint Exupéry
Schräge Vögel – Wundersame Geister:
Pädagogische Architektur
In einem erweiterten anthropologischen Verständnis von Schule ist diese kein Ort ausschließlich formaler Bildung, die sich zudem in menschenunwürdiger Umgebung vollziehen kann. Schule für mich ist eine soziale Ganzheit, welche auf vielfältige Art und Weise Anregungen von außen und innen nutzen kann, um sich zu einem lern- und lebenswerten Ort zu entwickeln. Das lässt sich am Beispiel der pädagogischen Architektur vermitteln.
Pädagogische Architektur spiegelt die vielfachen Anteile der Menschen wieder, die in der Schule miteinander arbeiten. Ganz vitale pragmatische Aspekte neben emotionalen, leiblichen, kognitiven, kommunikativen und kulturellen Aspekten lassen sich darin ausdrücken. Pädagogische Architektur nimmt die unterschiedlichen Wahrnehmungen und Gestaltungsvorstellungen des Ortes auf und schafft den äußeren Rahmen einer Kultur und Atmosphäre freiheitlichen Zusammenlebens. Sowohl das ganze Gebäude als auch einzelne Räume können Anregungen von innen und außen aufnehmen und verarbeiten. Räume sind Zonen des Austausches und der Korrespondenz zwischen menschlichen Handlungen, Gefühlen, Erlebnissen und Lebensbedingungen. So sollten Schulgebäude immer auch geistige und lebensbejahende Orte sein, Orte für Identifikation und Persönlichkeit, Gemeinschaft und Einzelinteresse.
Räume haben ihre eigene Sprache, sind vierdimensionales Kaleidoskop und Sammellinse für die in ihnen zum Ausdruck kommenden Ideen, Plänen und Praktiken, Empfindungen und Arbeitsstilen.
Vor dem Hintergrund dieses Wissens war es erforderlich, die Schule für Geistigbehinderte in Sankt Augustin umzugestalten. Die Schule war ein tristes, graues Gebäude, dessen Stimmung sich lähmend auf den inspirativen Elan aller Schulbeteiligten auswirkte. Für viele Eltern war die Schule zudem ein Ort, an dem ihre Kinder tagsüber verweilten, ohne, dass sie selber einen sozialen Bezugspunkt des Alltagslebens darin sehen konnten. Schule war außerhalb von Lebendigkeit befindlicher Außenort.
So starteten wir 1994 das Projekt: „Schräge Vögel – Wundersame Geister“ mit dem Ziel, die Schule im Sinne einer pädagogischen Architektur zu einer in das Alltagsleben und Gemeinwesen integrierten sozialen Ganzheit zu entwickeln, die auf Begegnung, Ebenbürtigkeit und Partizipation basiert und der Kraft des Inspirativen vertraut.
Der Titel des Projektes nimmt dabei humorvoll und ironisch die perspektivischen Betrachtungsweisen von Menschen auf Menschen auf, die nicht der gerade geltenden Norm entsprechen und somit als nicht gesellschaftsfähig erscheinen – „Schräge Vögel“, das sind umgangssprachlich Außenseiter, Menschen, die nicht in Nomen passen. Bezogen auf die Schule spiegelt sich darin ein wenig die Sehweise von Schulen für GB, LB und KB als einem Sammelplatz für Sonderlinge oder Menschen mit Besonderheiten (Wundersame Geister).
Analog zu dieser Sichtweise rüsteten wir (Schüler/Innen, Lehrer/Innen, Schulnachbarn, Kölner Studenten und Künstler von außerhalb) uns mit Farben, Schrott und Müll aus, um der Schule aus vermeintlich wertlosem Material ein künstlerisch-ästhetisch neues Gesicht zu gestalten, ein Gesicht, mit dem wir schrägen Vögel und wundersamen Geister uns identifizieren konnten.
So wurden partnerschaftlich und in freier Annäherung an eigene Gestaltungsmöglichkeiten Stahlskulpturen, Steingesichter, Fassadenbilder gestaltet, wurden Interviews durchgeführt, um nach innen und außen ein neues Selbstverständnis zu präsentieren. Besondere Begeisterung rief die Idee hervor, die „Schrägen Vögel“ aus Schrottresten zusammenzuschweißen und sie zu verwandeln, in ein goldenes Empfangskomitee über dem Eingang der Schule.
In der Auseinandersetzung mit den vermeintlich wertlosen Materialien und mit unserem Sonderstatus als Sonderlinge merkten wir: alles ist nur eine Frage des Standpunktes, nichts ist überflüssig, alles ist verwendbar, nichts ist wertlos, alles ist zu gebrauchen, keiner ist unbedeutend – jeder ist wichtig. Es kommt nur darauf an, eine entsprechende Perspektive zu finden, einen Standpunkt für sich zu bestimmen.
Durch die Arbeit an den Skulpturen und die Auseinandersetzung mit dem individuellen und sozialen Selbstverständnis entwickelten sich bei uns Prozesse positiver Identifikation, die bei den Eltern, insbesondere auch bei den Schüler/Innen erstaunliche Wandlungen mit sich brachten: Eltern wurden zu mitverantwortlichen, kreativen und kritischen Gestaltern und Gesprächspartnern in der Ereignis- und Erlebniswelt des Lebensortes Schule.
Das Besondere des Projektes waren die damit verbundenen ganzheitlichen Prozesse. Die Teilnehmer gestalteten die Skulpturen indem sie sich mit ihnen identifizierten. In einer solchen Form ganzheitlichen Lernens finden wir die Einheit von Gegenstand, Körper, Empfinden und Denken. Jedes Kind erfährt dabei: das kann ich, das bin ich! – ein Grunderlebnis, nach dem jedes Kind sucht. Vielleicht sollte Pädagogik daran zuallererst denken: Einem Kind die Möglichkeiten anzubieten, sich als richtig und als befähigtes Selbst zu erleben. Nicht Fehlerkorrekturen und kontrollierendes Nachbessern – Achtung, die Anerkennung des Anderen als ebenbürtigem Partner, Sich-Einlassen, Inspiration, Humor, Fantasie, überzeugende Inhalte, Experimentieren, Entdecken bilden die Basis dazu.
Schule als soziale Ganzheit, als kommunikativer kultureller Begegnungsort bedeutet in diesem Sinne:
- Umgestaltung anstelle von Stagnation
- Kooperation anstelle von Isolation
- Selbstbewusstsein anstelle von Minderwertigkeitsempfindungen
- Partnerschaft anstelle von Sonderrollen
- Integration anstelle von Ausschluss
- Inklusivität anstelle von Exklusivität
- Elementare Begabung anstelle von geistiger Behinderung
„Die soziale Kreativität beruht auf einer Vielzahl von zwischenmenschlichen Erfahrungen. Einmal gemachte Erfahrungen unterliegen der Prozesshaftigkeit und führen weiter... die Soziale Skulptur, das Soziale Atelier und andere Projekte verstehen sich als ein Gestaltungsort permanenter Konferenz... Das Ergebnis des Prozesses ist nicht als ein Produkt zu verstehen, sondern als Ausdruck von Fähigkeiten, die bewusst angenommen, aufgenommen und erweitert werden in alle Lebensbereiche. Dieses kreative Gestaltungselement als Lebensimpuls zu entdecken und in den Alltag zu integrieren, ist Kunst, ist die Welt im Entwurf.“
Franz Bößer
Jenseits des Alltags
– Arbeiten an der Sozialen Skulptur
Die erlebnispädagogischen Projekte im irischen County Donegal spielen seit den 90er Jahren eine besondere Rolle in meiner Zusammenarbeit mit Schülern, Studenten und Künstlern. Hier findet sich eine außergewöhnliche archaische Landschaft. Aus der irischen Landschaft und Kultur heraus entstehen Situationsangebote für die Selbstinitiativen, für die künstlerische Gestaltung und psychosoziale Entwicklung, wie sie in der Routine des Alltags von Kindern mit Beeinträchtigung (Pflege, Therapie, beaufsichtigter Ganztagsbetreuung) in aller Regel nicht möglich sind. Das gilt auch für die Studenten, die zur Zeit an deutschen Universitäten häufig keine geeigneten Bildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten sehen.
Die Projekte finden statt im Rahmen eines Sozialen Ateliers, das zu einer Konzeption gehört, die ich gemeinsam mit dem 2003 verstorbenen Künstler und Sozialpädagogen Franz Bößer entwickelte. Das Soziale Atelier steht dabei als Ausdruck für vielfältige kreative und pädagogische Prozesse. Zentral dafür ist die Kultur und Atmosphäre des Entdeckenkönnens, der eigenen Fragen, der eigenen Wahrnehmungen und des unkorrigierten Austauschs, die ganz selbstverständliche Atmosphäre des Erlebens, Deutens und Miteinander-Teilens.
Hier in Donegal gibt es eine Welt außerhalb des gewohnten Rahmens. Eine Welt für neue Ideen und Möglichkeiten, sie zu verwirklichen. Gerade das Verlassen des Alltags ist voller Anregung für persönliche und individuelle Ausdrucks- und Gestaltungsformen sowie für Begegnung. Begegnung meint hier das zentrale Aufeinandertreffen von Menschen und ihrer unterschiedlichen Welten. Dasein wird erfahren als existentielles Dasein, das in jeder Lebensgeschichte anders zum Ausdruck kommt. Es ist ein Wandern und Sich Bewegen auf ein unbestimmtes Ziel zu. Dasein öffnet in konkreten Ereignissen oft ganz unerwartet Persönliches und Eigenes, als Wesentliches einer Person. Es ist die ganz eigene Welt einer Person, die sie voller Freude und Ernst hervorbringt oder ausmodelliert. In solchen Augenblicken kommt Welt zur Welt als Con-Naissance, als Erkenntnis aus dem Bewirkten. Nur in diesem Sinne kann ich Wirklichkeit verstehen, als ein Bewirktes.
Ich erinnere mich an eine Wanderung durch ein Torffeld mit zwei autistischen Kindern. Fast erscheint es wie ein Wunder, was in einem Augenblick wie dem geschieht, als Michael im moorigen Sumpf eines Torfgrabens einen Halm entdeckt, ihn emporzieht ins Licht und ihn bestaunt wie ein Juwel. Was alles wird hier entdeckt? Was alles kommt hier zur Welt? Wer weiß, was da geschieht und, wer will es deuten? Wir können es nur begleiten mit dem eigenen Staunen und Erstauntsein, uns mitfreuen an der Freude und teilhaben an einer dieser unzähligen Geburten von Welten. In der „Tat“ dieses Jungen kommt tatsächlich, kommt durch seine Tat, eine besondere Sache der Welt zum Erscheinen, eine Tat-Sache. Wo dies über ein solches gemeinsame Erlebnis mitvollziehbar ist, da sind sehr unmittelbare und konkrete Annäherungs- auch Erkenntnisprozesse zu beobachten. Die Annäherung schwerstbehinderter Teilnehmer an die neu zu erfahrenden Phänomene: Wind, Sturm, Wellen, Möwenschwärme, Wolkenlandschaften, Torfgräser, Strände, Wanderungen durch die Stein- und Moorfelder, die Windgesänge ums Haus enthalten ein ganz anderes Kommunikationsrepertoire als das des heimischen Alltags. Manchmal ist es ein Blick, der uns fesselt und anspricht, mit einer Intensität und Empfindsamkeit, die alle menschlichen Empfindungen ausdrückt. Es sind auch körpersprachliche Mitteilungen voller Kraft und Ausdruck, die uns erreichen wollen und mit der Zeit auch gedeutet werden können.
Diese Facetten individueller Kommunikation sind vergleichbar mit konkreten Handlungen. Es sind Handlungen in einem mikrosomatischen Kontext, in dem sich Vergleichbares ereignet wie in den uns gewohnten Kommunikationsabläufen. So ist die Sprache schwerstbehinderter und auch autistischer Schüler reich an Hinweisen, Zeichen, Mitteilungen von Mitempfinden, sinnlichem Miterfahren und Mitvollziehen. Wer diese Sprachen erfahren hat, dem bestätigen sie ein qualifiziertes „Erschaffen von Welten“ – von Con-Naissancen.
Der Aufenthalt in Donegal ist dabei keine reine Ferienzeit, die am Strand liegend verbracht werden kann. Im Rahmen des Ateliers wird täglich stundenlang gewerkelt. Im Zentrum der Orientierung steht dabei die gemeinsame Schaffung eines Kunstwerkes. Durch strenge sachorientierte inhaltliche Arbeit und in Einklang mit den Gegebenheiten irischer Natur und Kultur werden Steinskulpturen errichtet. Der Errichtung dieses Kunstwerkes liegt ein Prozess kreativer Gestaltung zugrunde, der bereits von Josef Beuys formuliert wurde: Der Prozess von Chaos – Bewegung – Form. Ungerichtetes Chaos (Erste Ideen ohne Zielorientierung) bezeichnet dabei den Ausgangspunkt einer Aktion, Bewegung den Prozess der Aktion zwischen Anfang und Endstadium (Gestaltungsprozess) und die Form das Endstadium (Skulptur) einer Aktion. Diese drei Stadien kennzeichnen jede Arbeit an der Skulptur, wobei das Endstadium jederzeit wieder in den Ausgangspunkt einer Aktion – das Chaos – einmünden kann. Es handelt sich hierbei also um einen zirkulären Prozess.
An der irischen Küste sind Steine das Material für die konkrete Gestaltung. Sie liegen hier in allen Variationen zwischen den Buchten, riesige Steinfelder, hingespült an die endlosen Strände, durch Jahrmillionen sortiert nach Größen und Formen. Die Erdgeschichte und das Meer haben sie gestaltet: gewaltige Kiesel, beschliffene und abgerundete Gebilde wie aus Werkstätten von Bildhauern aus Heldenlegenden.
Es ist mühsam, daraus Skulpturen zu bauen. Deshalb werden leichte Anfänge gesucht. Es entstehen kleine Steingebilde, Gnome aus zwei bis drei Steinen. Sie säumen den Weg zum Meer hinunter. Sie bilden die Grundelemente für die Ersterfahrung von Ausgewogenheit, das Gefühl für Balance, den Auflagepunkt, das Gewicht, die Struktur, das Gespür für die Basis, die innere Gleichgewichtslinie und Stabilitätsachse der Skulptur. Eine einzigartige Entdeckung, dieses Gespür für die Form, ihren Aufbau: eine erste Ahnung bekommen für Proportion und Ästhetik, die Harmonie. Noch ist sie begrenzt auf die Steine, aber sie wirkt weiter in der Gruppe wie in einer sozialen Architektur.
Die Skulptur wird im Schaffensprozess zum Sinnbild der verschiedenen Erlebnissituationen. Körperliche Anstrengung, Selbsteinschätzung, Verarbeiten von Misserfolg, wenn die Skulptur zusammenbricht, Neubeginn, Unterordnung, Verarbeiten von Kritik, von Selbstüberschätzung und Anerkennung der Leistung anderer, Erschöpfung und bei der Sache bleiben – das alles gehört zur inhaltlichen Seite. Ebenso gelten Eigenverantwortung, Phantasie, Übersicht, Kooperation, Initiative, Ermunterung, Trost, Verständnis für Misslungenes, integrative Phantasie für das Ganze, Toleranz und Beweglichkeit – man könnte es eine Intelligenz für Prozesse nennen.
Unter solch mannigfaltigen Bedingungen entwickelt sich die konkrete Skulptur zur „Sozialen Skulptur“ als eine sinnbildliche Verdichtung, die in ihrer Wirkkraft weit über die Steinskulptur hinausreicht, das Erlebnis eines einzigartigen global umfassenden Ergebnisses wird. Das führt neben individueller Entwicklung auch zu sozialen Bewegungen, die in weiteren Besuchen, Motivationen zum Lernen und in Fortsetzungsprojekten ihren Ausdruck finden.
Jeder Ort ist für ein Soziales Atelier geeignet, so Bilden und Erziehen durch Qualität und gehaltvolles gemeinsames Arbeiten und Bewirken den dafür erforderlichen Raum einnehmen können.
Immer stellen wir fest, dass sich Kinder in Projekten zum Sozialen Atelier zu überraschenden kreativen Personen mit ganz neuen Umgangsformen und Praktiken wandeln. Die neuen Erfahrungsräume sind in besonderer Weise geeignet, die Eigeninitiativen von Kindern zu stärken. Die Verwirklichung eigener Themen und Inhalte auf der Grundlage von Fähigkeiten erhöht dabei nicht nur positiv die Selbstbegegnung, sondern auch die differenzierte Begegnung und Verantwortung in der Gruppe.
Das Soziale Atelier bedeutet Lernen aus den eigenen Fragen heraus, bedeutet ganzheitliches identitätsbezogenes Lernen mit Leib und Seele, Sinn und Verstand, bedeutet Lernen, das den Fähigkeiten und der Fantasie eines jeden für die Neuentdeckung der Welt vertraut und überzeugt ist von seinem oder ihrem persönlichen Anteil und Beitrag an der Welt als einer sich ständig ändernden und bewegenden Welt. Jeder ist ein Teil ihrer Bewegung und bewirkt Bewegungen mit seinem konstruktiven ebenso wie mit seinem destruktiven Tun. Diese Lernformen, sind bedeutsame Elemente sozialästhetischer Praxis und sollten meiner Meinung nach Bestandteil jeglicher Gegenwartspädagogik sein, möchten wir dazu beitragen, dass sich Menschen konstruktiv und kreativ mit den Erfordernissen unserer Zeit auseinandersetzen und einen Sinn finden können, ohne Benachteiligungen und Exklusion zu fördern.
© Theo Eckmann 2005. Der volle Text der Veröffentlichung findet sich in Band 5 der Schriftenreihe "Beiträge zur Sozialästhetik" der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft:
"Sozialästhetik - Lernen im Begegnungsfeld von Nähe und Freiheit", Projekt Verlag 2005







