
Lernräume für die Zukunft: Architektonische/Räumliche Grundlagen
Schule in Bewegung
Die FH Aachen hat an der Montessori-Schule in Aachen (à Gute Praxis) untersucht, welche Bedeutung Schulgelände, Schule und Klassenraum im gelebten Schulalltag bei der Zusammenstellung von Informationen haben.
Es handelt sich um eine Ganztagsschule, die sich in einen zentralen Funktionsbereich (Mensa, Bibliothek, Fachräume etc.), mehrere altersübergreifende Lernhäuser für die Mittelstufe (Unterrichts- und Differenzierungsräume) und den Oberstufenbereich (Unterrichts und Fachräume) gliedert.
Die Kinder können ihre Lernorte frei wählen. Zu bestimmten Zeiten wird die ganze Schule (einschließlich Park und Tisch-tennisplatte) zum Lernort. Der Unterricht ist entrhythmisiert. Er teilt sich in ‚formelle‘, ‚klassenbasierte’ und ‚informelle’ Einheiten.
Das räumliche Verhältnis vom Schüler zum Lehrer hat sich an der Montessori-Schule in Aachen schon heute verändert. Dies war Anlass für die Forschungsgruppe, auch losgelöst vom konkreten Beispiel zentrale Fragestellungen und Prinzipien für die Organisation von Raum in Schulen aufzustellen:
Nutzung und Gestalt
Selbstständiges Lernen, individuelle Betreuung, Ganztagsschule und coachende Lehrer passen nicht mehr in die Grundrisse der Vergangenheit, die sich im Wesentlichen aus den Raumtypen Klasse, Flur, Lehrerzimmer, Sanitäranlagen und Schulhof zusammensetzen.
Die Grundrisse der Vergangenheit müssen angepasst werden und auf die neue, dynamische Situation reagieren. In einigen Schulhäusern der Gegenwart, aber auch in einigen der Vergangenheit ist dies bereits geschehen:
Das traditionelle Klassenzimmer öffnet sich. Die quadratische Kiste, in der der Lehrer den Raum dominiert, genügt nicht den Ansprüchen individueller Betreuung und Differenzierung. Um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, ist es sinnvoll, aus mehreren Klassenzimmern, Gruppenräumen und gemeinsamen Arbeitsbereichen Cluster zu bilden. Dies sind offene, aber überschaubare Einheiten aus 60 bis 120 Schülerinnen und Schülern, die in Gruppen wechselnder Größe oder auch still für sich arbeiten können.
Die in diesen Clustern vorhandenen gemeinsamen Arbeitsbereiche sollten eine echte funktionale Erweiterung des klassischen Unterrichts, z.B. für Projektarbeit, bieten. Entscheidend ist, dass die gemeinsame Zone genügend Tageslicht erhält und möblierbar ist. Dabei ist darauf zu achten, dass mehr multifunktionale, offene Zonen Antworten im Bereich der sozialen Kontrolle und der Raumakustik brauchen.
Die wachsenden Ansprüche an Schule können immer weniger durch spezialisierte Zusatzräume befriedigt werden. Es wird darauf ankommen, Räume intelligent mehrfach zu nutzen. Unterrichts-, Gruppen- und Mehrzweckräume werden dann flexibel einsetzbar, wenn die spezifischen Anforderungen der verschiedenen Nutzungsarten (Essen, Singen, Lesen, Spielen, Theater etc.) sich der Hauptnutzung unterordnen. So kann zum Beispiel eine Aula als Mensa, ein Unterrichtsraum als Projektraum oder die Turnhalle als Versammlungsraum genutzt werden. Die aktuelle niederländische Bewegung der ‚breiten Schule’, aber auch erste Stadtteilschulen in Deutschland gehen noch einen Schritt weiter: Verschiedene Institutionen wie Kindertagesstätte, Sozialfürsorge, Jugendarbeit und andere teilen sich dort dasselbe Areal. Beim Bau wird bereits über mögliche Folgenutzungen nachgedacht.
Jede gute Schule zeichnet sich aber jenseits dieser funktionalen Anforderungen durch eine eigene typische Schulatmosphäre aus, die sich aus Entwurfsstil, Material, Farbe, Belichtung und Umgebung ergibt. Diese Atmosphäre ist nicht notwendigerweise an die Schulnutzung gebunden, denn „beim Besuch von Schulhäusern fällt stets die von den Kindern, ihren Zeichnungen und Arbeiten erzeugte Buntheit ins Auge. […] Farbigkeit und Materialisierung sind in diesem Sinn vom Ort, der erwünschten Lernumgebung (Wohnatmosphäre, Ateliercharakter, Erlebnisraum, Schulstube etc.) und der zu erwartenden Inbesitznahme abhängig. Der zuweilen raue Schulalltag erfordert eine robuste Farb- und Materialwahl.“
Beispiel 1: Geschwister-Scholl-Gesamtschule, Lünen
Hans Scharoun hat in den 50er Jahren diesen Grundriss für die Geschwister-Scholl Schule in Lünen entwickelt. Das Gebäude wurde ausgehend von den differenzierten Klassenhäusern mit Freiluftklasse entwickelt. Klassenwohnung [1], Lernstufe [2] und Schule [3] bilden ineinander greifende Einheiten.
Beispiel 2: Polygoon Schule, Almere (NL)
Hermann Hertzberger hat in den 90ern die Polygoon Schule in Almere von einem zentralen Marktplatz ausgehend entwickelt. Die Klassenzimmer liegen relativ klein bemessen am Rande dieses Platzes, auf dem Platz selber wird gebastelt, kommuniziert, gearbeitet und vor allem gelebt.
Foyer und Flure verwandeln sich in ‚öffentliche Räume‘ einer demokratischen Gemeinschaft [1], ‚Lernstraßen‘ für formelle und informelle Aktivitäten (multioptionaler Raum) [2] und ‚Schaufenster‘ zwischen Lernstraße und Klassenraum (soziale Bezüge, Präsentation von Projektergebnissen) [3].
Qualitätskriterien
8 Fragen zur Beurteilung von Schulentwürfen
Angebote des Entwurfes als ein Ort, an dem Kinder lernen
- Gibt er genügend Raum zum individuellen Lernen und zum gemeinsamen Lernen? (also: allein, zu zweit, in kleinen Gruppen, in großen Gruppen – mit der Klasse, dem ganzen Jahrgang, der ganzen Schule)
- Gibt er genügend Raum zum innengesteuerten und zum außengesteuerten Lernen? (also: reizarme Regionen der Konzentration und reizvolle Regionen zur Anregung (Medien, Lernfelder, Labore, Schulgärten, Schulteich)
- Gibt er genügend Raum zum Lernen und auch zum Nichtlernen? (also: für richtige Pausen)
Angebote des Entwurfes als ein Ort, wo Kinder leben
- Wird der Platz, an dem jedes einzelne Kind wirklich weiß, wo es selbst und ‚seine Gruppe’ hingehört, und der Platz, an dem sich die Schulgemeinschaft begegnet, gesichert? (Klarheit der Gliederung, überschaubare Substrukturen (max. 150 Kinder), Fixierung eines Zentrums)
- Schafft er genügend Raum zur Begegnung mit Freunden bei Festen und Feiern und den Raum zur Ruhe, zum Rückzug? (Innenbereich und Außenbereich)
- Gibt er genügend Raum zur spontanen Aktion, zum Toben, und gibt er zugleich Hilfen zur Ordnung und Achtsamkeit?
- Ist die Eigenwelt der Schule erkennbar abgegrenzt und öffnet sich die Schule zugleich für ihre Umwelt?
Angebote des Entwurfes als ein Ort, von dem Kinder lernen
- Ist der Ort ein ästhetisches (Licht, Farbe, Formen, Material), ökologisches (Energienutzung, Baustoffe, Verkehrsführung) und konstruktives (das Gebäude als Bauwerk) Vorbild?
13 Fragen zur Beurteilung von Schulbauprojekten
Pädagogische Anforderungen an Schulraumprojekte sind nicht quantifizierbar. Um ihren Einbezug in Schulraumprojekte zu gewährleisten, wurde eine Liste von Fragen zusammengestellt. Die Fragen sollen in den Planungs- und Realisierungsprozess einbezogen werden und damit die Einhaltung pädagogischer Mindestanforderungen gewährleisten. Die Gewichtung der einzelnen Anforderungen hängt vom konkreten Einzelprojekt ab.
Anregende Gestaltung
- Ermöglicht die Architektur eine helle und freundliche Gestaltung der Räume und der offenen Bereiche innerhalb des Gebäudes?
- Ist die Anordnung der Schulzimmer und der offenen Bereiche übersichtlich?
- Können die verschiedenen Unterrichtsräume durch eine entsprechende Umgestaltung andere Funktionen übernehmen?
- Regen Architektur und Umgebung zu altersgemäßem Lernen, Spielen und Bewegung an?
- Bieten Gebäude und Umgebung Anregungen für das Sehen, das Hören, das Fühlen und das Tasten?
- Bieten die Pausenzonen (innen und außen) sowohl großräumige Spielflächen als auch Rückzugsmöglichkeiten und Nischen?
- Regen die Innen- und Außenräume aktive Beziehungen zur Natur sowie aktives Gestalten und Verändern bestimmter Bereiche an?
Flexibilität der Raumnutzung
- Ist innerhalb der verschiedenen Räume ein kurzfristiger Wechsel zwischen verschiedenen Lehrformen möglich?
- Können die Räume langfristig an veränderte Rahmenbedingungen angepasst werden?
- Sind die Räume auch für nichtschulische Zwecke geeignet?
Gestaltungsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte
- Bietet die Architektur den Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften die
Möglichkeit, Klassenzimmer und offene Bereiche flexibel zu gestalten?- Bieten Architektur und Umgebung einen gestalterischen Spielraum an, um den verschiedenen Bereichen ein jeweils eigenes Gesicht zu geben?
- Ermöglicht das Projekt eine aktive Mitgestaltung naturnaher Elemente durch die Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer?
Neue Anforderungen an Lernräume
Architekten, Planer und Auftraggeber müssen auf neue Anforderungen reagieren. Insbesondere die anstehenden Sanierungs-, Erweiterungs-, Umbau- und Neubaumaßnahmen für den Ganztag erfordern einen neuen Dialog zwischen Pädagogik und Architektur.
Hier nur einige Beispiele:
- Ein Kind, das 12 Jahre Ganztagsunterricht bekommt, verbringt zwischen 18.000 und 20.000 Stunden auf dem und um das Schulgelände. Im Ganztag wird die Schule zum zweiten Lebensmittelpunkt.
- Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrer sind stärker in Bewegung: Projektunterricht, Zusammenarbeit über Klassengrenzen hinaus und Teambesprechungen prägen den Arbeitstag aller am Lernen und Lehren Beteiligten.
- Lehrer befinden sich den ganzen Tag an der Schule. Sie erarbeiten den Unterrichtsstoff vor Ort, im Team oder in Einzelrecherchen. Sie werden zunehmend zu Tutoren und individuellen Begleitern.
- Lernen wird mehrdimensional: Die unterschiedlichsten Aktivitäten, vom konzentrierten Zuhören über das Toben und Spielen bis zum Entspannen finden gleichzeitig statt.
- Alltag in der Schule und Alltag im Stadtteil verzahnen sich zunehmend. Schulen werden zu Stadtteilzentren, in denen Aktivitäten der Erwachsenenbildung, des Vereinslebens und der sozialen Fürsorge Raum finden.
Offene Schulen bündeln Ressourcen und setzen auf Synergien. Sie werden zu zentralen Orten im Stadtteil. (Abbildung: RE.FLEX architects_urbanists in Zusammenarbeit mit den Montag Stiftungen)
Quellen:
- Frank Hausmann und Florence Pfaff (2004): Lehrgebiet Entwerfen und Gebäudelehre FH Aachen.
- Alan Wakefield, Daniel Kurz (2004): Neues vom Schulhausbau. In: Schulhausbau. Der Stand der Dinge. Basel.
- Otto Seydel (2004): Die gute Schule der Zukunft. In: Schulen in Deutschland. Stuttgart.
- Adrian Scheidegger (2004): 13 Fragen zur Beurteilung von Schulbauprojekten. In: Schulhausbau. Der Stand der Dinge. Basel.
- Peter M. Senge et. al (2000): Schools That Learn: A Fith Discipline Fieldbook for Educators, Parents, and Everyone Who Cares about Education. New York.






