Jeder Mensch ist begabt

Wenn wir Ästhetik verstehen als sinnlich wahrzunehmende Qualität, dann ist Sozialästhetik deren Erweiterung in den sozialen Raum, ihre demokratische Übersetzung, Deutung und Sinngebung." 
                                                                                                             (Theo Eckmann)

Ungeachtet dessen, dass formelle Bildung und Wissensaneignung wichtige Lernziele sind, darf der pädagogische Auftrag nicht die Förderung des Ausschlusses Vieler aus der Gesellschaft bedeuten. Pädagogischer Auftrag in einem sozialästhetischen Verständnis bedeutet, zur Bejahung des Lebens, zur ethisch-fundierten, nachhaltigen und konstruktiven Gestaltung des individuellen, sozialen und natürlichen Seins und Miteinanders zu begleiten.

Elementares sich Einfühlen in die Welt, sich hineindenken und hineinbegeben in deren Fragen, Erfahrung von Welt mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ihrer Erkundung bilden die Basis dazu, verbunden mit der Nutzung der Potentiale gegenwartsbezogenen Handelns, kreativer Initiative und Inspiration.

Von ihrer ursprünglichen Intuition her sind Kinder immer zum Lernen motiviert. Immer erlebte ich Kinder, die ergriffen waren von dieser Welt, bis in atemlose Bruchteile eines Augenblickes hinein. Das Wissen um die elementare Kraft des Intuitiven, des Inspirativen, darf nicht vernachlässigt werden, ist diese doch eng mit dem Spüren von Freude an der Welt verbunden.

Die Freude an der Welt ermöglicht sinnvolle Begegnung mit der Wirklichkeit, ermöglicht die Wahrnehmung von Vielfalt, die respektvolle Akzeptanz des Anderen, ermöglicht den gelassenen Umgang mit Verschieden- und doch Gleichsein. Freude an der Welt ist ganzheitlich vitales Erleben, Erfahren, Handeln, Erkennen, ist Leidenschaft zum Leben.

Die Freude an der Welt ist folglich unerlässlich für das Erlebnis und die Erfahrbarkeit eines vielfältigen lebendigen Jetzt. Die Faszination des Augenblicks und seines differenzierten Reichtums bieten intensivste Anwesenheit, die eine positive Identifikationsbasis bildet, so die Anerkennung, die Erfahrung eines lebens- und liebenswerten befähigten Selbst damit verbunden ist, eines Selbst, das sich gesellschaftlich und natürlich verortet und verwurzelt empfinden kann.

Weitere Grundlage hierzu sind folglich Vertrauenserfahrungen, die tragfähige Selbstwahrnehmungen und Erkenntnisse ermöglichen und auf einem Menschenbild basieren, das nicht die Betrachtung und Bewertung von Menschen nach ihren vermeintlich defizitären Besonderheiten zum Gegenstand hat, sondern die Ermöglichung sinnvoller Begegnungen im Kontext eines gleichberechtigten Miteinanders.

Mit diesen Aspekten verbundene Lernfelder sozialästhetischer Praxis streben keine Einheitlichkeit von Erkenntnisakten an. Vielmehr bedeutet pädagogischer Auftrag in diesem Sinne die Begleitung von Menschen in dynamischen Situationen und in lebendigen Veränderungsprozessen. Erzieherische Praxis muss dabei effektive Lernwelten bieten, um fantasievolles Lernen zu ermöglichen, welches den ganzen Menschen betrifft, sein Fühlen, Wahrnehmen, Denken, Verstehen, Erkennen, sein rationales, spirituelles, leibliches Sein.

Die Gegenwart, ihre raschen Veränderungen, aktuelle Bildungsstudien zeigen, dass rein formelle Bildung alleine nicht mehr ausreicht. Die Gegenwart zeigt, dass die Welt zur kohärent-souveränen Lebensgestaltung befähigter verantwortlicher Persönlichkeiten bedarf, die sinnvoll nachhaltiges ebenbürtiges Miteinander gestalten.

Für den pädagogischen Auftrag bedeutet das:

  • Vermittlung der Welt als einer offenen Welt
  • Ermutigung zu eigenen Fragen und des Auffindens eigener Antworten
  • Ermutigung zum Handeln
  • Vermittlung von Gelassenheit im Umgang mit Spannungen und Krisen
  • Stärkung des Vertrauens in die Richtigkeit von Entscheidungen mit offenem Ende
  • Respektvolle Wahrnehmung eines jeden Anderen als ergänzendem Partner
  • Pädagogische Praxis zu verwirklichen als Begleitung, Information, Inspiration
  • Leiblich-ganzheitliches Lernen zu ermöglichen
  • Fehler humorvoll als unverzichtbare Bestandteile menschlichen Daseins anzunehmen

Die ausgewählten Beispiele sozialästhetischer Praxis verdeutlichen, dass insbesondere Menschen mit Beeinträchtigungen zum lebendigen Alltag befähigt sind, so sie nicht abwertend oder karitativ-barmherzig über vermeintlich defizitäres Angewiesen- und Anderssein betrachtet werden. Gerade Menschen mit Behinderung zeigen uns immer wieder, dass sie zur besonders intensiven Begegnung mit der Gegenwart befähigt sind und dazu, mit Krisen umzugehen. Wir können viel voneinander lernen...

Im Grunde geht es dabei auch um die Förderung von Fantasie für das Gemeinsame unter Einbeziehung einer individuellen einzigartigen Lebensgeschichte. Das ist demokratische Pädagogik mit ihren besonderen Herausforderungen und Chancen gesellschaftlicher, ökologischer und sozialer Verantwortung. Pädagogik ist kein Betrieb, der als nicht zugehörig neben einer konflikt- und anregungsreichen Welt vorbeiläuft, sondern ein Ort, der ermutigt, sich einzulassen und sich auszudrücken. Schule kann hierfür, wie in den obigen Beispielen veranschaulicht, der geeignete Ort der Vermittlung sein, so sie sich als kreative Werk- und Wirkstatt des Lebens betrachtet.

Die dargestellten pädagogischen Zielsetzungen im Rahmen meines sozialästhetischen Ansatzes zu verwirklichen, erlauben und fordern Kreativität, ästhetisches Tätigsein, Lernfelder im Begegnungsfeld von Nähe, Freiheit und Verantwortung, verbunden mit allen Aspekten wie sie vorangehend hier beschrieben wurden.

Was die Realisierbarkeit der Ziele anbelangt, meine ich: Die Fantasie des Menschen ist nicht verbraucht für ein sozialästhetisches Miteinander, zu dem die Qualität des persönlichen Gestaltens ebenso gehört wie die Offenheit für den Anderen, die Selbstverständlichkeit des eigenen Angewiesenseins und des Angewiesenseins des Anderen ebenso wie das Gefühl der Richtigkeit des eigenen Daseins und der Richtigkeit des Daseins des Anderen und der wechselseitigen ebenbürtigen und unverzichtbaren Ergänzung. Inklusion bezeichnet diese Aspekte zeitgemäß. Inklusive Intelligenz kann auf ganz neue Weise für den Reichtum evolutiver Mannigfaltigkeit inspirieren. Unsere Gegenwart hat uns Möglichkeiten wie nie zuvor gegeben, diese Vielfalt konstruktiv und nachhaltig zu nutzen.

Aus der Sichtweise des sozialästhetischen Ansatzes heraus ist jeder dazu befähigt, kreativ zum Ganzen unserer vielfältigen Lebens-, Begegnungs- und Entwicklungsformen beizutragen. Jeder Mensch ist begabt für die Teilhabe an der Gestaltung Sozialer Skulpturen, wie sie im Kontext von Sozialästhetik verstanden werden. Jeder Ort, jede Zeit, jede Lebenslage, jedes Lebensalter sind dafür geeignet: Der gewollte Mensch ist der befähigte und das Ganze bereichernde Mensch.

Aus diesem Wissen ergibt sich ein grundlegendes Handlungsanliegen für alle Konzeptionen sozialästhetischer Zielsetzung: nachhaltig und in Würde und Achtung vor dem Ausdruck und der Befähigung des Lebendigen, das dem Menschen Mögliche dem Menschen möglich zu machen denn: Eine gute Gegenwart ist eine gute Zukunft.

aus Theo Eckmann, "Sozialästhetik - Lernen im Begegnungsfeld von Nähe und Freiheit", Projekt Verlag 2005

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